{"id":26072,"date":"2026-03-31T08:12:00","date_gmt":"2026-03-31T06:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.smith.care\/?p=26072"},"modified":"2026-03-30T16:16:14","modified_gmt":"2026-03-30T14:16:14","slug":"ergebnisse-polar-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.smith.care\/de\/2026\/03\/31\/ergebnisse-polar-teil-1\/","title":{"rendered":"Erh\u00f6htes Sturzrisiko durch potenziell inad\u00e4quate Medikation (PIM)? Was die Daten aus dem POLAR-Projekt zeigen \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wissenschaftliche Mitarbeiterin Louisa Redeker im Interview<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Medikamente geh\u00f6ren zu den h\u00e4ufigsten therapeutischen Ma\u00dfnahmen in der Patientenversorgung.<br>Gleichzeitig k\u00f6nnen unerw\u00fcnschte Arzneimittelereignisse zu Komplikationen f\u00fchren \u2013 im schlimmsten Fall sogar zu erneuten Krankenhausaufenthalten. Besonders betroffen sind \u00e4ltere Menschen, die h\u00e4ufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen: Bei ihnen steigt das Risiko f\u00fcr Wechsel- und Nebenwirkungen deutlich. Im Projekt POLAR, einem Use Case der <a href=\"https:\/\/www.smith.care\/de\/smith-konsortium\/ueber-die-medizininformatik-initiative-mii\/\">Medizininformatik-Initiative (MII)<\/a>, wurde u.a. der Zusammenhang zwischen Polymedikation und gesundheitlichen Risiken untersucht. In einer zweiteiligen Serie stellen wir zentrale Ergebnisse der POLAR-Studien vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im ersten Teil spricht Louisa Redeker, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl f\u00fcr klinische Pharmakologie der Universit\u00e4t Witten\/Herdecke, \u00fcber ihr Teilprojekt. Sie hat den Zusammenhang zwischen potenziell inad\u00e4quater Medikation (PIM) und dem Auftreten von St\u00fcrzen bei \u00e4lteren Patientinnen und Patienten untersucht. Welche weiteren Erkenntnisse gewonnen wurden und welche methodischen Herausforderungen das Projektteam \u00fcberwunden hat, erl\u00e4utert Louisa Redeker im Interview.<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was interessiert Sie am Thema Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) besonders?<\/strong><br><br>Besonders bei \u00e4lteren Menschen, die mehrere Erkrankungen haben und viele unterschiedliche Medikamente einnehmen, kann das Risiko f\u00fcr Wechselwirkungen, Dosierungsprobleme und Nebenwirkungen ansteigen. Ein strukturiertes Medikationsmanagement ist daher zentral, um Patientensicherheit und Versorgungsqualit\u00e4t zu verbessern.<br>Besonders spannend finde ich an dem Thema, dass sich diese Herausforderungen heute nicht mehr nur klinisch beobachten lassen, sondern mithilfe der Daten, die ohnehin in Krankenh\u00e4usern entstehen, analysiert und besser verstanden werden k\u00f6nnen. Die AMTS-Forschung macht reale Versorgungsprobleme sichtbar und liefert die Grundlage, um gezielte Ma\u00dfnahmen zur Risikoreduktion zu entwickeln.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was haben Sie in der POLAR-Studie genau untersucht und wie sind Sie dabei vorgegangen?<br><br><\/strong>POLAR war ein Use Case der Medizininformatik-Initiative mit dem Ziel, die Dateninfrastruktur der Datenintegrationszentren (DIZ) an den Universit\u00e4tskliniken f\u00fcr konkrete klinische Fragestellungen nutzbar zu machen. Im Fokus stand die Analyse gesundheitlicher Risiken u.a. im Zusammenhang mit Polymedikation auf Basis multizentrischer Routinedaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Teilprojekt verfolgte zwei zentrale Fragestellungen: Zum einen haben wir untersucht, wie h\u00e4ufig potenziell inad\u00e4quate Medikation im station\u00e4ren Setting vorkommt. PIMs sind Arzneimittel, deren Nutzen-Risiko-Verh\u00e4ltnis bei \u00e4lteren Patientinnen und Patienten kritisch bewertet wird.<br>Zum anderen wollten wir wissen, ob PIMs mit einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr St\u00fcrze assoziiert sind.<br>Zur Identifikation von PIM haben wir zwei etablierte PIM-Listen verwendet: die PRISCUS-Liste, die in Deutschland weit verbreitet und h\u00e4ufig in klinische Entscheidungsunterst\u00fctzungssysteme (CDSS) integriert ist und die europ\u00e4ische EU(7)-PIM-Liste. Beide basieren auf Expertenkonsensverfahren und enthalten Wirkstoffe, die als PIM eingestuft wurden sowie Therapiealternativen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist: Diese Listen sind Entscheidungshilfen. Ob eine Medikation im Einzelfall inad\u00e4quat ist, bleibt stets eine klinische Nutzen-Risiko-Abw\u00e4gung.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Herausforderungen haben Sie bei der Durchf\u00fchrung Ihres Projektes in POLAR \u00fcberwunden?<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Eine zentrale Herausforderung war die Arbeit mit multizentrischen Routinedaten aus unterschiedlichen Krankenhausinformationssystemen. Jedes Universit\u00e4tsklinikum verf\u00fcgt \u00fcber eigene IT-Strukturen und Dokumentationsprozesse, sodass Daten nicht automatisch vergleichbar sind. In POLAR haben wir einen verteilten Analyseansatz umgesetzt. Die Daten verbleiben lokal in den DIZen, werden dort ausgewertet und nur aggregierte Ergebnisse zentral zusammengef\u00fchrt. Besonders anspruchsvoll war, dass es beispielsweise fehlende oder uneinheitliche Zeitstempel sowie Unterschiede in der Dokumentation von Medikation und Diagnosen gab. Gerade f\u00fcr die Analyse von Zusammenh\u00e4ngen zwischen Medikation und Ereignissen wie St\u00fcrzen sind solche Angaben jedoch essenziell. Diese Herausforderungen konnten im Projektverlauf in enger Abstimmung mit den Standorten schrittweise adressiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Ergebnis von POLAR ist daher nicht nur die inhaltliche Forschung, sondern auch der Nachweis, dass eine standort\u00fcbergreifende Analyse von Routinedaten in Deutschland grunds\u00e4tzlich machbar ist.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind die weiteren zentralen Ergebnisse Ihres Forschungsprojektes?<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Auf Basis von Daten aus zehn Universit\u00e4tskliniken konnten wir belastbare Aussagen zur H\u00e4ufigkeit von PIM im station\u00e4ren Setting treffen. Analysiert wurden \u00fcber 160.000 F\u00e4lle von Patientinnen und Patienten \u2265 65 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pr\u00e4valenz variierte je nach PIM-Liste deutlich: Nach PRISCUS lag bei 12,8 % der F\u00e4lle mindestens ein PIM vor, nach der EU(7)-PIM-Liste waren es 45,6 %. Wir konnten keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Dokumentation von PIM und dem Auftreten von St\u00fcrzen nachweisen. &nbsp;F\u00fcr Medikamente, die bekannterma\u00dfen das Sturzrisiko erh\u00f6hen, sogenannte FRIDs (Fall-Risk-Increasing-Drugs), konnten wir einen Zusammenhang mit einem h\u00f6heren Sturzrisiko nachweisen. Es gab also zwei wichtige Erkenntnisse: PIM sind weit verbreitet und unterstreichen die Notwendigkeit regelm\u00e4\u00dfiger Medikationsanalysen. Gleichzeitig ist nicht jede PIM automatisch mit einem erh\u00f6hten Sturzrisiko verbunden. Aber bestimmte Medikamente, die klinisch als risikobehaftet f\u00fcr St\u00fcrze gelten, zeigen diesen Effekt sehr wohl.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie viel n\u00e4her konnten wir Ihres Erachtens in den letzten Jahren der IT-basierten AMTS-Forschung kommen?&nbsp;<br><\/strong><br>Im POLAR-Projekt konnten wir zeigen, dass eine multizentrische Analyse von Routinedaten auch ohne zentrale Zusammenf\u00fchrung von Patientendaten technisch machbar ist. Das ist ein wesentlicher Schritt in Richtung IT-gest\u00fctzter AMTS-Forschung. Gleichzeitig konnten wir sehen, wo die n\u00e4chsten Entwicklungsschritte liegen: Wir ben\u00f6tigen eine noch konsistentere Dokumentation von beispielsweise Dosierung oder belastbare Zeitstempel f\u00fcr Medikationsverordnung und Diagnosen. Genau diese Punkte sind schon Teil der Weiterentwicklung in den DIZen. So flie\u00dfen die Erkenntnisse aus POLAR unmittelbar in die Verbesserung der Datenqualit\u00e4t von zuk\u00fcnftigen Analysen ein.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?&nbsp;<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Die Datenqualit\u00e4t und Standardisierung von Routinedaten entwickelt sich kontinuierlich weiter und bietet noch gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr Forschung und Versorgung, wird aber derzeit noch nicht vollst\u00e4ndig ausgesch\u00f6pft. Zudem ist es wichtig, die Erkenntnisse in CDSS-Systeme zu integrieren. Das langfristige Ziel ist nicht nur retrospektive Analyse, sondern die patientennahe Unterst\u00fctzung im Versorgungsalltag. Ich glaube, POLAR hat daf\u00fcr eine wichtige Grundlage geschaffen. Der n\u00e4chste Schritt ist, diese Infrastruktur weiter auszubauen und st\u00e4rker in die Versorgungspraxis zu \u00fcberf\u00fchren.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus ihrem Feld mitgeben?<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Denken Sie interdisziplin\u00e4r! Die Forschung im Bereich AMTS bewegt sich an der Schnittstelle von Pharmazie, Medizin, Informatik und Versorgungsforschung. Ich glaube, wirklich spannende Forschung entsteht, wenn verschiedene Perspektiven zusammenkommen und Forschende lernen, die Sprache der anderen Disziplinen zu verstehen. Wer bereit ist, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen, kann komplexe Fragestellungen nicht nur besser analysieren, sondern auch praktikable L\u00f6sungen entwickeln. Gerade Projekte wie POLAR zeigen, wie wertvoll der Austausch ist: Viele der erzielten Fortschritte w\u00e4ren ohne enge interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit nicht m\u00f6glich gewesen.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Mehr zu den Ergebnissen aus dem POLAR-Teilprojekt finden Sie in folgender Publikation:<\/em><\/strong><em><br>Redeker, L., Kesselmeier, M., Mussawy, B. et al. <\/em><em>Use of Potentially Inappropriate Medication and Association with Falls During Hospitalisation: An Analysis Based on Electronic Health Records (POLAR_MI project). Drugs &#8211; Real World Outcomes (2025). <\/em><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s40801-025-00528-4\"><em>https:\/\/doi.org\/10.1007\/s40801-025-00528-4<\/em><\/a><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Projekt POLAR wurde u.a. der Zusammenhang zwischen Polymedikation und gesundheitlichen Risiken untersucht. 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