{"id":26235,"date":"2026-06-24T17:33:33","date_gmt":"2026-06-24T15:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.smith.care\/?p=26235"},"modified":"2026-06-24T17:33:34","modified_gmt":"2026-06-24T15:33:34","slug":"ergebnisse-polar-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.smith.care\/de\/2026\/06\/24\/ergebnisse-polar-teil-2\/","title":{"rendered":"Detektion und Vorhersage unerw\u00fcnschter Arzneimittelereignisse: Ergebnisse aus dem POLAR-Projekt \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p>&nbsp;<strong><em>Fachapothekerin Dr. Anna Wermund im Interview<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Medikamente geh\u00f6ren zu den h\u00e4ufigsten therapeutischen Ma\u00dfnahmen in der Patientenversorgung.<\/em><em><br>Gleichzeitig k\u00f6nnen unerw\u00fcnschte Arzneimittelereignisse (UAE) zu Komplikationen f\u00fchren \u2013 im schlimmsten Fall sogar zu erneuten Krankenhausaufenthalten. Besonders betroffen sind \u00e4ltere Menschen, die h\u00e4ufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen: Bei ihnen steigt das Risiko f\u00fcr Wechsel- und Nebenwirkungen deutlich. Im Projekt POLAR, einem Use Case der <\/em><a href=\"https:\/\/www.smith.care\/de\/smith-konsortium\/ueber-die-medizininformatik-initiative-mii\/\"><em>Medizininformatik-Initiative (MII)<\/em><\/a><em>, wurde u.a. der Zusammenhang zwischen Polymedikation und gesundheitlichen Risiken untersucht. In einer zweiteiligen Serie stellen wir zentrale Ergebnisse der POLAR-Studien vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im zweiten Teil gibt Dr. Anna Wermund einen Einblick in die wertvollen Erkenntnisse f\u00fcr die Arzneimitteltherapiesicherheitsforschung, die sie aus ihren Teilprojekten in POLAR gewonnen hat. Sie war von 2020 bis 2025 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in POLAR und INTERPOLAR t\u00e4tig und leitet nun die Abteilung Forschung und Entwicklung des Produkts MediCheck<\/em><em>\u00ae<\/em><em> beim Softwarehersteller pharma4u GmbH. Im Fokus ihrer Arbeit bei POLAR stand die Identifikation von UAE in medizinischen Routinedaten aus unterschiedlichen Universit\u00e4tskliniken. Auf welche Herausforderungen sie dabei gesto\u00dfen ist, wie sie diese gemeistert hat und wie sie die Forschung zur Arzneimitteltherapiesicherheit heute einsch\u00e4tzt, erkl\u00e4rt Dr. Anna Wermund im Interview.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was finden Sie am Thema Arzneimitteltherapiesicherheit besonders spannend und wichtig?<\/strong><br>Ich wiederhole gerne ein Zitat, welches ich in meinem Disputationsvortrag angef\u00fchrt habe: &nbsp;&#8222;Houston, we have a Problem \u2013 Houston, wir haben ein Problem&#8220;. Trotz diverser Bem\u00fchungen erleiden auch im Jahr 2026 noch viel zu viele Patientinnen und Patienten Sch\u00e4den durch Medikationsfehler oder vermeidbare UAE. Die Arzneimitteltherapiesicherheit ist daher nicht nur unglaublich spannend, sondern auch unglaublich wichtig, um hier Verbesserungen zu erzielen. Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) bedeutet, Prozesse sicherer zu gestalten, noch bevor ein Schaden entstanden ist. Das digitale Zeitalter erm\u00f6glicht es uns dabei, neue Prozesse zur Verbesserung der AMTS zu etablieren und mit immer gr\u00f6\u00dferen Datenmengen die Ursachen f\u00fcr Medikationsfehler sowie UAE besser zu verstehen. Da ihre Ursachen komplex sind, erfordert die AMTS-Forschung eine interprofessionelle Zusammenarbeit. Hier k\u00f6nnen Apothekerinnen und Apotheker eine wichtige Rolle einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was haben Sie in der POLAR-Studie genau untersucht?<\/strong><br>In der POLAR-Studie haben wir untersucht, wie UAE in Routinedaten station\u00e4r aufgenommener Patientinnen und Patienten erkannt und im n\u00e4chsten Schritt vermieden werden k\u00f6nnen. Dabei haben wir auch das Potenzial deutscher Routinedaten und die Machbarkeit eines verteilten Analyseansatzes getestet. Bei einer verteilten Analyse werden Daten aus mehreren Kliniken ausgewertet, wobei die Daten am jeweiligen Klinikum verbleiben, w\u00e4hrend die Analyseskripte dorthin \u00fcbermittelt und lokal ausgef\u00fchrt werden. Im Anschluss werden die Einzelergebnisse in einer so genannten Metaanalyse zu einem Gesamtergebnis kombiniert.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Teilprojekt haben wir eine Expertenbefragung nach der RAND\u00ae\/UCLA-Angemessenheitsmethode durchgef\u00fchrt, um Arzneimittel-Ereignis-Paare als Indikatoren f\u00fcr UAE in Routinedaten zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Herausforderungen haben Sie bei der Durchf\u00fchrung des Projekts \u00fcberwunden?<\/strong><br>Zentrale Herausforderungen waren die Datenqualit\u00e4t, die Heterogenit\u00e4t der multizentrischen Routinedaten und das gemeinsame Verst\u00e4ndnis zwischen den beteiligten Professionen. Viele Datenintegrationszentren befanden sich noch im Aufbau, es gab fehlende Werte, heterogene Daten und ungenaue Zeitstempel.<br>Au\u00dferdem zeigte sich: Interoperabilit\u00e4t ist nicht gleich Datenharmonisierung. Trotz gemeinsamer Standards wie HL7\u00ae FHIR\u00ae zeigte sich eine unterschiedliche Datenpraxis, beispielsweise bei Einheiten von Laborwerten oder Diagnosedaten. Ohne R\u00fccksprache mit den Zentren war oft unklar, wie Daten zu interpretieren sind.<br>Wir sind daher schrittweise vorgegangen, haben Daten zun\u00e4chst gepr\u00fcft und verschiedene Analysen mit unterschiedlicher Komplexit\u00e4t nacheinander ausgef\u00fchrt. Dadurch konnten wir beschreiben, wo die Herausforderungen und Unsicherheiten liegen und trotz dieser valide Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren die zentralen Ergebnisse Ihres Projekts?<\/strong><br>Im Rahmen der Expertenbefragung wurden 255 Arzneimittel-Ereignis-Paare (z.B. Hyperkali\u00e4mie und ACE-Hemmer) bewertet, von denen zwei als Indikatoren f\u00fcr sichere, 42 als Indikatoren f\u00fcr wahrscheinliche, 137 als Indikatoren f\u00fcr m\u00f6gliche und 74 als Indikatoren f\u00fcr unwahrscheinliche UAE eingestuft wurden. Indikatoren f\u00fcr m\u00f6gliche, wahrscheinliche und sichere UAE k\u00f6nnen nun gezielt in der Forschung eingesetzt werden, z.B. in Projekten zur Messung der Pr\u00e4valenz von UAE.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch unsere verteilte Analyse konnten wir den Nachweis erbringen, dass eine standort\u00fcbergreifende Analyse von Routinedaten in Deutschland grunds\u00e4tzlich machbar ist.&nbsp;Gleichzeitig konnten wir aber auch ein Bewusstsein daf\u00fcr schaffen, was verteilte Analysen brauchen \u2013 z.B. eine klare Definition von Standardwerten. Dar\u00fcber hinaus haben wir dazu beigetragen, die Interoperabilit\u00e4t und Datenqualit\u00e4t an den DIZ zu verbessern. In einzelnen Auswertungen wies beispielsweise jede Patientin und jeder Patient eines Standorts einen erh\u00f6hten H\u00e4moglobinwert auf, weil eine Einheiten falsch gesetzt war. Fehler wie dieser k\u00f6nnen durch unsere Arbeit in zuk\u00fcnftigen Projekten gezielt vermieden werden. Insgesamt hat POLAR einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Medizininformatik-Initiative und zur Nutzung von Routinedaten f\u00fcr Analysen zu UAE geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat sich die Arzneimitteltherapiesicherheit und die IT-Landschaft im Vergleich zum Studienbeginn ver\u00e4ndert?<\/strong><br>Die Datenqualit\u00e4t hat sich kontinuierlich verbessert, denn die DIZ befanden sich zu Studienbeginn noch im Aufbau. Inzwischen sind sie seit einigen Jahren in Betrieb, die Prim\u00e4rsysteme sind besser geworden, und die Heilberufe arbeiten nun schon l\u00e4nger mit elektronischen Gesundheitsakten, sodass davon auszugehen ist, dass deren Bef\u00fcllung qualitativ besser geworden ist. Mit dem MII-Kerndatensatz 2.0 gibt es nun FHIR-Profile, aus denen hervorgeht, was im Krankenhaus verordnet wurde und welche Vormedikation vorlag. Das wird Kausalit\u00e4tsauswertungen im AMTS-Bereich deutlich voranbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfreulich ist zudem, dass UCUM, das System zur einheitlichen Kodierung von Ma\u00dfeinheiten, mittlerweile wesentlich konsequenter eingesetzt wird. Ein weiterer Fortschritt ist die zunehmende Einf\u00fchrung von Unit-Dose-Systemen in den Kliniken, die eine l\u00fcckenlosere Dokumentation der Arzneimittelgabe erm\u00f6glicht und damit zu belastbareren Daten \u00fcber Arzneimitteltherapien f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie heute anders machen?<\/strong><br>Ich w\u00fcrde von Anfang an noch mehr kommunizieren und von vornherein die Datenverf\u00fcgbarkeit pr\u00fcfen, indem ich bei allen Standorten vorab abfrage, wie viele Werte f\u00fcr welche Variable vorliegen. Variablen mit einem hohen Anteil fehlender Werte w\u00fcrde ich dann zun\u00e4chst aus der Analyse ausschlie\u00dfen. Gleichzeitig w\u00fcrde ich die fehlenden Werte selbst genauer untersuchen. Neben einem Analyseplan f\u00fcr die Untersuchung der Muster der fehlenden Werte w\u00fcrde ich eine Populationsbeschreibung der F\u00e4lle ohne fehlende Werte erstellen und fehlende Werte als eigene Variablen in Regressionsanalysen einbeziehen. Es gibt sehr spannende Methoden, um zu untersuchen, wie informativ fehlende Werte sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind Ihre pers\u00f6nlichen n\u00e4chsten Forschungsziele?<\/strong><br>F\u00fcr mich ist klar: Wissenschaft entfaltet ihren wahren Wert erst in der Anwendung. Da Forschung ohne Praxis reine Theorie bleibt, widme ich mich in meiner aktuellen Position bei der pharma4u GmbH der Translation wissenschaftlicher Erkenntnisse in digitale, praxistaugliche L\u00f6sungen. Mein Fokus liegt darauf zu zeigen, welchen Beitrag Apothekerinnen und Apotheker zur Verbesserung der AMTS leisten k\u00f6nnen \u2013 und das ist enorm viel. Im Kontext der elektronischen Patientenakte und daraus entstehenden neuen Versorgungsformen m\u00f6chte ich evaluieren, wie ein nachhaltiger, intersektoraler Medikationsprozess im ambulanten Bereich und an der Schnittstelle zum Krankenhaus aussehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Mehr zu den Ergebnissen aus den POLAR-Teilprojekten finden Sie in folgenden Publikationen:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wermund AM, Haerdtlein A, Fehrmann W, Weglage C, Dreischulte T, Jaehde U. Drug-Event Pairs as Indicators for the Detection of Adverse Drug Reactions during Hospitalization in Routinely Collected Electronic Data Sources. Clin Pharmacol Ther. 2025 Jun;117(6):1811-1819. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/40099752\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">doi: 10.1002\/cpt.3635<\/a>. Epub 2025 Mar 18. PMID: 40099752; PMCID: PMC12087692.<\/p>\n\n\n\n<p>Wermund AM, Thalheim T, Medek A, Schmidt F, Peschel T, Str\u00fcbing A, Neumann D, Scherag A, Loeffler M, Kesselmeier M, Jaehde U; POLAR_MI Consortium. Challenges in detecting and predicting adverse drug events via distributed analysis of electronic health record data from German university hospitals. PLOS Digit Health. 2025 Jun 26;4(6):e0000892. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/40569944\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">doi: 10.1371\/journal.pdig.0000892.<\/a> PMID: 40569944; PMCID: PMC12200832.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zu Teil 1 unserer Serie: <\/em><a href=\"https:\/\/www.smith.care\/de\/2026\/03\/31\/ergebnisse-polar-teil-1\/\"><em>Erh\u00f6htes Sturzrisiko durch potenziell inad\u00e4quate Medikation (PIM)? Was die Daten aus dem POLAR-Projekt zeigen<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Anna Wermund hat in POLAR untersucht, wie sich unerw\u00fcnschte Arzneimittelereignisse mithilfe klinischer Routinedaten aus den Datenintegrationszentren identifizieren und k\u00fcnftig besser vermeiden lassen. Im zweiten Teil unserer Serie zu den Ergebnissen aus POLAR spricht sie \u00fcber zentrale Erkenntnisse aus ihrer Forschung.<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":26240,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-26235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neuigkeiten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26235"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26237,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26235\/revisions\/26237"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.smith.care\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}