Riskante Medikation erkennen und gezielt analysieren
Im Use Case INTERPOLAR wird untersucht, wie IT-gestützte Verfahren Krankenhausapothekerinnen und -apotheker bei der Identifikation klinisch relevanter und potenziell vermeidbarer Medikationsprobleme unterstützen können. Das Projekt nutzt hierfür die in der Aufbau- und Vernetzungsphase von 2018 bis 2022 im Rahmen der Medizininformatik-Initiative aufgebaute IT-Infrastruktur.
Mit INTERPOLAR wird erstmals eine standortübergreifend harmonisierte Routinedokumentation von Medikationsanalysen und der dabei identifizierten medikationsbezogenen Probleme etabliert. Dadurch können bislang heterogene Dokumentationspraktiken zwischen Kliniken vereinheitlicht und systematisch multizentrisch ausgewertet werden. Grundlage der IT-gestützten Analysen ist eine von Expertinnen und Experten kuratierte Liste klinisch relevanter Kontraindikationen für 700 häufig verordnete Arzneimittel. Eine Kontraindikation bezeichnet einen Faktor (z. B. Alter, Vorerkrankungen, Schwangerschaft, Begleitmedikation), der gegen die Anwendung eines bestimmten Medikaments spricht. Auf Basis der im Projekt entwickelten Kontraindikations-Liste können potenzielle Medikationsprobleme algorithmisch identifiziert werden.
Die identifizierten Fälle werden im Rahmen der INTERPOLAR-Studie retrospektiv durch Stationsapothekerinnen und -apotheker bewertet. Dabei erfolgt sowohl eine patientenbezogene Einschätzung der klinischen Relevanz als auch eine strukturierte Erfassung des Entscheidungs- und Bewertungsprozesses. Ziel ist es zu untersuchen, in welchen Situationen IT-gestützte Analysen zusätzliche klinisch relevante Medikationsprobleme sichtbar machen und die Arbeit der Stationsapothekerinnen und -apotheker sinnvoll ergänzen können. Die strukturierte Erfassung dieses klinischen Bewertungsprozesses dient darüber hinaus als Grundlage, um Algorithmen zur Unterstützung klinischer Entscheidungen weiterzuentwickeln. Insbesondere KI-basierte Methoden wie Large Language Models (LLMs) sollen dadurch verbessert werden, sodass pharmakologisches Expertenwissen systematischer abgebildet und klinische Entscheidungsprozesse künftig besser unterstützt werden können.
Die INTERPOLAR-Studie wird in mehreren Phasen durchgeführt. Zunächst werden an den teilnehmenden Datenintegrationszentren die technischen Voraussetzungen für die Zusammenführung, Analyse und Auswertung der Patienten- und Medikationsdaten geschaffen. Anschließend erfolgt eine multizentrische Studie an Universitätskliniken mit mehreren beteiligten Stationen und einer großen Kohorte stationärer Patientinnen und Patienten. Insgesamt werden im Verlauf des Projekts Routinedaten von etwa 70.000 stationären Behandlungsfällen ausgewertet.
Die erhobenen longitudinalen Daten werden genutzt, um Algorithmen zu verbessern, Risikomuster besser zu verstehen sowie Zusammenhänge zwischen Medikationen, Kontraindikationen und klinischen Ereignissen systematisch zu analysieren.