Detektion und Vorhersage unerwünschter Arzneimittelereignisse: Ergebnisse aus dem POLAR-Projekt – Teil 2

 Fachapothekerin Dr. Anna Wermund im Interview

Medikamente gehören zu den häufigsten therapeutischen Maßnahmen in der Patientenversorgung.
Gleichzeitig können unerwünschte Arzneimittelereignisse (UAE) zu Komplikationen führen – im schlimmsten Fall sogar zu erneuten Krankenhausaufenthalten. Besonders betroffen sind ältere Menschen, die häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen: Bei ihnen steigt das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen deutlich. Im Projekt POLAR, einem Use Case der
Medizininformatik-Initiative (MII), wurde u.a. der Zusammenhang zwischen Polymedikation und gesundheitlichen Risiken untersucht. In einer zweiteiligen Serie stellen wir zentrale Ergebnisse der POLAR-Studien vor.

Im zweiten Teil gibt Dr. Anna Wermund einen Einblick in die wertvollen Erkenntnisse für die Arzneimitteltherapiesicherheitsforschung, die sie aus ihren Teilprojekten in POLAR gewonnen hat. Sie war von 2020 bis 2025 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in POLAR und INTERPOLAR tätig und leitet nun die Abteilung Forschung und Entwicklung des Produkts MediCheck® beim Softwarehersteller pharma4u GmbH. Im Fokus ihrer Arbeit bei POLAR stand die Identifikation von UAE in medizinischen Routinedaten aus unterschiedlichen Universitätskliniken. Auf welche Herausforderungen sie dabei gestoßen ist, wie sie diese gemeistert hat und wie sie die Forschung zur Arzneimitteltherapiesicherheit heute einschätzt, erklärt Dr. Anna Wermund im Interview.

Was finden Sie am Thema Arzneimitteltherapiesicherheit besonders spannend und wichtig?
Ich wiederhole gerne ein Zitat, welches ich in meinem Disputationsvortrag angeführt habe:  „Houston, we have a Problem – Houston, wir haben ein Problem“. Trotz diverser Bemühungen erleiden auch im Jahr 2026 noch viel zu viele Patientinnen und Patienten Schäden durch Medikationsfehler oder vermeidbare UAE. Die Arzneimitteltherapiesicherheit ist daher nicht nur unglaublich spannend, sondern auch unglaublich wichtig, um hier Verbesserungen zu erzielen. Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) bedeutet, Prozesse sicherer zu gestalten, noch bevor ein Schaden entstanden ist. Das digitale Zeitalter ermöglicht es uns dabei, neue Prozesse zur Verbesserung der AMTS zu etablieren und mit immer größeren Datenmengen die Ursachen für Medikationsfehler sowie UAE besser zu verstehen. Da ihre Ursachen komplex sind, erfordert die AMTS-Forschung eine interprofessionelle Zusammenarbeit. Hier können Apothekerinnen und Apotheker eine wichtige Rolle einnehmen.

Was haben Sie in der POLAR-Studie genau untersucht?
In der POLAR-Studie haben wir untersucht, wie UAE in Routinedaten stationär aufgenommener Patientinnen und Patienten erkannt und im nächsten Schritt vermieden werden können. Dabei haben wir auch das Potenzial deutscher Routinedaten und die Machbarkeit eines verteilten Analyseansatzes getestet. Bei einer verteilten Analyse werden Daten aus mehreren Kliniken ausgewertet, wobei die Daten am jeweiligen Klinikum verbleiben, während die Analyseskripte dorthin übermittelt und lokal ausgeführt werden. Im Anschluss werden die Einzelergebnisse in einer so genannten Metaanalyse zu einem Gesamtergebnis kombiniert.

In einem weiteren Teilprojekt haben wir eine Expertenbefragung nach der RAND®/UCLA-Angemessenheitsmethode durchgeführt, um Arzneimittel-Ereignis-Paare als Indikatoren für UAE in Routinedaten zu entwickeln.

Welche Herausforderungen haben Sie bei der Durchführung des Projekts überwunden?
Zentrale Herausforderungen waren die Datenqualität, die Heterogenität der multizentrischen Routinedaten und das gemeinsame Verständnis zwischen den beteiligten Professionen. Viele Datenintegrationszentren befanden sich noch im Aufbau, es gab fehlende Werte, heterogene Daten und ungenaue Zeitstempel.
Außerdem zeigte sich: Interoperabilität ist nicht gleich Datenharmonisierung. Trotz gemeinsamer Standards wie HL7® FHIR® zeigte sich eine unterschiedliche Datenpraxis, beispielsweise bei Einheiten von Laborwerten oder Diagnosedaten. Ohne Rücksprache mit den Zentren war oft unklar, wie Daten zu interpretieren sind.
Wir sind daher schrittweise vorgegangen, haben Daten zunächst geprüft und verschiedene Analysen mit unterschiedlicher Komplexität nacheinander ausgeführt. Dadurch konnten wir beschreiben, wo die Herausforderungen und Unsicherheiten liegen und trotz dieser valide Schlüsse ziehen.

Was waren die zentralen Ergebnisse Ihres Projekts?
Im Rahmen der Expertenbefragung wurden 255 Arzneimittel-Ereignis-Paare (z.B. Hyperkaliämie und ACE-Hemmer) bewertet, von denen zwei als Indikatoren für sichere, 42 als Indikatoren für wahrscheinliche, 137 als Indikatoren für mögliche und 74 als Indikatoren für unwahrscheinliche UAE eingestuft wurden. Indikatoren für mögliche, wahrscheinliche und sichere UAE können nun gezielt in der Forschung eingesetzt werden, z.B. in Projekten zur Messung der Prävalenz von UAE.

Durch unsere verteilte Analyse konnten wir den Nachweis erbringen, dass eine standortübergreifende Analyse von Routinedaten in Deutschland grundsätzlich machbar ist. Gleichzeitig konnten wir aber auch ein Bewusstsein dafür schaffen, was verteilte Analysen brauchen – z.B. eine klare Definition von Standardwerten. Darüber hinaus haben wir dazu beigetragen, die Interoperabilität und Datenqualität an den DIZ zu verbessern. In einzelnen Auswertungen wies beispielsweise jede Patientin und jeder Patient eines Standorts einen erhöhten Hämoglobinwert auf, weil eine Einheiten falsch gesetzt war. Fehler wie dieser können durch unsere Arbeit in zukünftigen Projekten gezielt vermieden werden. Insgesamt hat POLAR einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Medizininformatik-Initiative und zur Nutzung von Routinedaten für Analysen zu UAE geleistet.

Wie hat sich die Arzneimitteltherapiesicherheit und die IT-Landschaft im Vergleich zum Studienbeginn verändert?
Die Datenqualität hat sich kontinuierlich verbessert, denn die DIZ befanden sich zu Studienbeginn noch im Aufbau. Inzwischen sind sie seit einigen Jahren in Betrieb, die Primärsysteme sind besser geworden, und die Heilberufe arbeiten nun schon länger mit elektronischen Gesundheitsakten, sodass davon auszugehen ist, dass deren Befüllung qualitativ besser geworden ist. Mit dem MII-Kerndatensatz 2.0 gibt es nun FHIR-Profile, aus denen hervorgeht, was im Krankenhaus verordnet wurde und welche Vormedikation vorlag. Das wird Kausalitätsauswertungen im AMTS-Bereich deutlich voranbringen.

Erfreulich ist zudem, dass UCUM, das System zur einheitlichen Kodierung von Maßeinheiten, mittlerweile wesentlich konsequenter eingesetzt wird. Ein weiterer Fortschritt ist die zunehmende Einführung von Unit-Dose-Systemen in den Kliniken, die eine lückenlosere Dokumentation der Arzneimittelgabe ermöglicht und damit zu belastbareren Daten über Arzneimitteltherapien führt.

Was würden Sie heute anders machen?
Ich würde von Anfang an noch mehr kommunizieren und von vornherein die Datenverfügbarkeit prüfen, indem ich bei allen Standorten vorab abfrage, wie viele Werte für welche Variable vorliegen. Variablen mit einem hohen Anteil fehlender Werte würde ich dann zunächst aus der Analyse ausschließen. Gleichzeitig würde ich die fehlenden Werte selbst genauer untersuchen. Neben einem Analyseplan für die Untersuchung der Muster der fehlenden Werte würde ich eine Populationsbeschreibung der Fälle ohne fehlende Werte erstellen und fehlende Werte als eigene Variablen in Regressionsanalysen einbeziehen. Es gibt sehr spannende Methoden, um zu untersuchen, wie informativ fehlende Werte sind.

Was sind Ihre persönlichen nächsten Forschungsziele?
Für mich ist klar: Wissenschaft entfaltet ihren wahren Wert erst in der Anwendung. Da Forschung ohne Praxis reine Theorie bleibt, widme ich mich in meiner aktuellen Position bei der pharma4u GmbH der Translation wissenschaftlicher Erkenntnisse in digitale, praxistaugliche Lösungen. Mein Fokus liegt darauf zu zeigen, welchen Beitrag Apothekerinnen und Apotheker zur Verbesserung der AMTS leisten können – und das ist enorm viel. Im Kontext der elektronischen Patientenakte und daraus entstehenden neuen Versorgungsformen möchte ich evaluieren, wie ein nachhaltiger, intersektoraler Medikationsprozess im ambulanten Bereich und an der Schnittstelle zum Krankenhaus aussehen kann.

Mehr zu den Ergebnissen aus den POLAR-Teilprojekten finden Sie in folgenden Publikationen:

Wermund AM, Haerdtlein A, Fehrmann W, Weglage C, Dreischulte T, Jaehde U. Drug-Event Pairs as Indicators for the Detection of Adverse Drug Reactions during Hospitalization in Routinely Collected Electronic Data Sources. Clin Pharmacol Ther. 2025 Jun;117(6):1811-1819. doi: 10.1002/cpt.3635. Epub 2025 Mar 18. PMID: 40099752; PMCID: PMC12087692.

Wermund AM, Thalheim T, Medek A, Schmidt F, Peschel T, Strübing A, Neumann D, Scherag A, Loeffler M, Kesselmeier M, Jaehde U; POLAR_MI Consortium. Challenges in detecting and predicting adverse drug events via distributed analysis of electronic health record data from German university hospitals. PLOS Digit Health. 2025 Jun 26;4(6):e0000892. doi: 10.1371/journal.pdig.0000892. PMID: 40569944; PMCID: PMC12200832.

Zu Teil 1 unserer Serie: Erhöhtes Sturzrisiko durch potenziell inadäquate Medikation (PIM)? Was die Daten aus dem POLAR-Projekt zeigen