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Gezielte Vorsorge und Therapie nach intensivmedizinischer Behandlung per App – 5 Fragen an Prof. Dr. Gernot Marx und Dr. Denise Molinnus

Vor knapp einem Jahr sind die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Digitalen FortschrittsHubs gestartet. Ihr Ziel ist es, die in der Medizininformatik-Initiative etablierten IT-Infrastrukturen über den universitätsmedizinischen Kontext hinaus in die regionale Gesundheitsversorgung zu übertragen. Einbezogen werden beispielsweise Arztpraxen, regionale Krankenhäuser, Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen sowie Rettungsdienste. Der vom SMITH-Konsortium betreute Digitale FortschrittsHub DISTANCE widmet sich der intensivmedizinischen Nachsorge mittels der PICOS-App. Prof. Dr. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen leitet den DISTANCE Hub. Die Koordination sowie wissenschaftliche Leitung hat Dr. Denise Molinnus inne. Sie habilitiert zeitgleich an der RWTH Aachen in anwendungsorientierter Forschung.

Wir haben mit Prof. Dr. Marx und Dr. Molinnus über den aktuellen Stand im DISTANCE-Projekt gesprochen und welche Herausforderungen die Etablierung der PICOS-App mit sich bringt.

 



Hier finden Sie das vollständige Interview auch zum Anhören:




Sie, Professor Marx, kommen aus dem Feld der Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin. Sie, Dr. Molinnus, aus der Biosensorik. Wie kamen Sie dazu, sich für die Digitalisierung im Gesundheitswesen einzusetzen?

Prof. Dr. Marx: Die Intensivmedizin und auch die Anästhesie sind sehr parameterbasierte Fachgebiete in der Medizin, die früh digitalisiert worden sind. Deshalb habe ich mich relativ frühzeitig dem Thema Digitale Medizin zugewandt. In der Intensivmedizin beispielsweise nutzen wir schon seit vielen Jahren digitalisierte und automatisierte Dokumentation. Der Mehrwert von „vielen Daten“ war bei mir deshalb schon sehr früh präsent. Schon seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich in meiner Forschung mit der Weiterentwicklung in den Bereichen Telemedizin, künstliche Intelligenz und Algorithmenentwicklung.

Dr. Molinnus: Bei mir hat das Interesse für Digitale Medizin schon während des Studiums angefangen. Ich habe biomedizinische Technik studiert und während des Studiums parallel in der Notaufnahme gearbeitet. Dadurch wurde mir klar, dass ich die Technik in der Medizin weiterentwickeln möchte. In der Promotion habe ich mich dann auf die Sensorik, speziell Wearables und Monitoring von Patientinnen und Patienten spezialisiert. Ich denke, dass die Digitale Medizin in Kombination mit Sensorik die Zukunft ist. Das sieht man schon bei den Diabetes-Patientinnen und -Patienten mit Glucose-Sensoren. Hier werden Daten automatisch an die Wearables, mobile Endgeräte oder Smart-Watches gesendet, die Parameter auch an die Ärztinnen und Ärzte. Genau da möchte ich anknüpfen und die Digitalisierung in der Medizin weiter voranbringen. Das ist auch für das DISTANCE-Projekt eine gute Basis. Hier kann ich die App mit dem Background und der Technik, die ich im Studium gelernt habe, weiterentwickeln.

DISTANCE fokussiert sich auf die medizinische Nachsorge von ehemaligen Intensivpatientinnen und -patienten unter Einbezug der regionalen Gesundheitsversorgung. Wie weit ist das Projekt derzeit und was sind die nächsten Meilensteine?

Dr. Molinnus: Ziel ist es, einen Digital Hub in DISTANCE aufzubauen, wo die Daten von den verschiedenen Allgemeinkrankenhäusern und Arztnetzen gesammelt und gespeichert werden. Dort sind wir im Moment im Austausch mit den Arztnetzen und Allgemeinkrankenhäusern, um die Architektur um DISTANCE aufzubauen. Hier ist es ganz wichtig, dass wir eine enge Kommunikationsstruktur mit den Rollout-Partnern haben, um das Projekt wirklich erfolgreich voran zu bringen. Parallel dazu entwickeln wir die PICOS-App, das ist der Use Case im DISTANCE-Projekt. Ab 01.10. wird die PICOS-App breitflächig getestet.

Prof. Dr. Marx: Wir haben bereits seit der ersten Förderperiode der Medizininformatik-Initiative im SMITH-Konsortium den intensivmedizinischen Use Case ASIC, in dessen Rahmen wir eine App entwickelt haben. Hierbei ging es darum, das Akute Lungenversagen frühzeitiger zu diagnostizieren und entsprechend die Therapie einzuleiten. Die Erfahrungen, die wir hier mit der Entwicklung der ASIC-App gesammelt haben, konnten wir dann gleich für DISTANCE nutzen, um schneller eine sehr überzeugende App zu entwickeln. Das betrifft beispielsweise regulatorische Maßnahmen im Sinne von Medizinproduktzulassung und das Thema Datenschutz sowie Datensicherheit. Wir haben schon viele wichtige erste Schritte geschafft, um dann letztendlich mit den Patientinnen und Patienten sowie den vielen Partnern aus unterschiedlichen Versorgungssektoren in das Projekt zu starten.

Die eben erwähnte PICOS-App bildet das Herzstück des DigiHubs DISTANCE. Sie begleitet den physischen und psychischen Zustand von ehemaligen Intensivpatientinnen und -patienten. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie bei der Entwicklung und Implementierung der App?

Dr. Molinnus: Die größte Herausforderung war definitiv zu wissen, dass die Patientinnen und Patienten, wenn sie frisch von der Intensivstation kommen, vielleicht kognitive und psychische Einschränkungen haben. Deshalb war es wichtig darauf einzugehen. Wir haben die PICOS-App in intensiven Farben gestaltet und schlicht sowie intuitiv in der Handhabung gehalten. Die Patientinnen und Patienten sollten die App gerne verwenden, nicht abgeschreckt werden und einen Sinn hinter der Anwendung sehen.

Wie stellen Sie sicher, dass auch ältere sowie nicht-medienaffine Menschen die App verwenden können?

Prof. Dr. Marx: Wir haben uns von vornherein darum gekümmert, dass wir beim App-Design darauf achten, dass zum Beispiel Menschen, die Probleme mit dem Sehen haben, die App dennoch einfach verwenden können. Das funktioniert über Schriftgröße, Symbolgröße oder auch Farbgebung. Wir haben das auch entsprechend getestet. Vor allem aber unterstützen wir ältere und nicht-medienaffine Menschen durch unseren Service: Wenn es zu Fragen oder Unsicherheiten kommt, können sie uns jederzeit kontaktieren. Je nachdem wie es gewünscht ist, per E-Mail oder Telefon. Wir sind gut erreichbar und das halte ich für einen sehr großen Erfolgsfaktor. Man kennt das ja, wenn man selbst ein technisches Problem hat und sich Unterstützung holen muss: Wenn das nicht umgehend passiert, vergeht natürlich auch schnell die Lust sich zu engagieren. Wir sind jetzt relativ am Beginn des Projekts und ich gehe davon aus, dass die App am Ende etwas anders aussehen wird als jetzt. Bei uns gibt es die Bereitschaft, gute Vorschläge zur Verbesserung aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Die Firma Healthcare IT-Solutions, die die App technisch unterstützt, ist sehr agil und steht auch zur Verfügung, um entsprechende Vorschläge umzusetzen.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: Die Arbeit im DISTANCE-Projekt ist mir wichtig weil, …

Dr. Molinnus: hier die Patientinnen und Patienten in das Projekt direkt mit involviert sind und wir durch die Verbindung zwischen Medizin und Technik die Digitale Medizin in Deutschland aktiv mitgestalten können.

Prof. Dr. Marx: es uns gelingen kann, dass wir sektorenübergreifend bessere Patientenversorgung durch Forschung und Datennutzung sowie -bereitstellung erreichen können.